Eine ehrliche Halbzeitbilanz

Die wichtigsten Events:

  • August:
    • Ich komme am Flughafen an. OMG Wie krass ist das denn bitte?! Ich bin einfach in Texas LOL
    • Meine Gastfamilie heißt mich willkommen, ich ziehe ein im neuen Haus
    • Ein Kulturschock jagt den anderen, alles ist neu alles ist anders, Essen von Papptellern ist gewöhnungsbedürftig
  • September:
    • Boa Band is schon anstrengend und nervig. Bitte wie? ich hab erst die Hälfte des Semesters rum, wadn langweiliger Stundenplan.
    • Erste Footballspiele, Band-Auftritte, Schultraditionen und ein echtes Baseballspiel im Dallas Stadion
  • Oktober:
    • Ich bin jetzt 17!?
    • Ok Band is soo cool. Ich bin in San Antonio das is ja der Hammer! Der erste Trip raus aus Dallas. So eine coole Sache!
    • Ui sieh mal die Halloween Deko, Kostüme und Parties
  • November:
    • Och manno jetzt ist Band vorbei
    • Thanksgiving, endlich Ferien
    • New Orleans, Louisiana, Florida, Disneyworld, Nashville, Tennessee. So viel zu sehen
    • Hier der Beitrag zu New Orleans
  • Dezember:
    • DIE STRESSIGSTEN 3 WOCHEN SCHULE EVER, Alle Final Exams gleichzeitig, jeder Schüler ist gestresst, ich mach mir kein Kopp
    • uii schau mal die schöne Weihnachtsdeko, Truthan essen, Bescherung am 25. mit Strümpfen am Kamin
    • Das Jahr ist vorbei.

Das eigentlich Interessante sind doch gar nicht die Ausflüge

Ich stehe unter der Dusche, die Playlist ist auf Shuffle und der nächste Song beginnt seine ersten Töne. Es ist ein gutes Lied, ich habe es schon ewig nicht mehr gehört und freue mich, dass es mir vor die Ohren stolpert.
Mir kommen Tränen in die Augen..?
Ich weiß nicht warum, aber es passiert. Ein komischer Gefühlsmix aus Verwirrung und Schluchzen kommt hoch. Ich steige aus der Dusche und skippe zum nächsten Titel.

Die erste Hälfte des Auslandsjahres ist leider schon vorbei. Die erste Hälfte des Auslandsjahres ist endlich geschafft. Es sind zwei ganz verschiedene Seiten, die nur schwer zu vereinen sind. Dankbarkeit und Kummer erscheinen gegensätzlich, sind aber im Auslandsjahr immer in einer schrägen Ballance. Innerhalb von 5 Monaten habe ich so unglaublich viel erlebt, dass es oft schwer ist das alles zu greifen. Dies soll ein kleiner Versuch sein das alles zu fassen.

Nie wird es bei mir langweilig. 2 Jahre Pandemie und selbst jetzt jagt jede „aktuelle Situation“ den nächsten Ausnahmezustand. Nicht wenig ist passiert, Krisen hin oder her ich persönlich kann nicht behaupten 2 Jahre Jugend „verloren“ zu haben. Seit ich als Jugendlicher gelte habe ich viele Punkte auf der Checkliste des Teenagerseins abgehakt. Ich war auf Parties, Demos, auf Dates und war shoppen in Stuttgart. So gehört es sich. So hatte ich mir das vorgestellt. Und trotzdem ist meine Jugend sehr abweichend von dem was ich erwartet hatte und was wahrscheinlich auch die meisten Anderen sich vorgestellt hätten. Aber es ist auch weit entfernt von einer langweiligen oder unerfüllenden Jugend. Neben all dem Trubel legte ich also noch ein Auslandsaufenthalt oben drauf und schon jetzt kann ich sagen die Zeit hier bereichert mich so sehr in so vielen verschiedenen Weisen, mal sehen ob ich einige davon hier aufgreifen kann.

Linsen mit Spätzle für Freunde kochen, Sauerteigbrot selber machen, beim Lunch mit netten Menschen über Schule und die Welt quatschen. Mit der Band staatsweite Wettbewerbe meistern, durch nie gesehene Gegenden reisen und die Berge Tennessee´s bestaunen. In New Orleans geschwärzten Alligator essen und abends am Hard Rock Café vorbeischlendern, während ein skurriler Typ hinter einer aus-dem-Nichts-kommenden Band zu tanzen beginnt. Es sind die Erfahrungen die ich mir erhofft hatte. Es sind die Erfahrungen an die ich mich gerne zurück erinnern werde, wenn mich jemand fagt, wie es denn in Texas war.

Es sind jedoch ganz andere Erfahrungen die einem das meiste mitgeben. In der ersten Hälfte zumindest, habe ich viel gelernt aus den alltäglichen Momenten, wie ich mit diesen umgehe und wie andere sich verhalten. Gutes Verhalten lernt man nicht immer von guten Vorbildern verzeiht den Seitenhieb meine Amis 😉. Den Alltag der anderen beobachten und still beurteilen. Ständig hinterfragen, reflektieren und adaptieren oder eben nicht. Ich habe noch nie so viel gedacht wie in diesen 5 Monaten. Alles bringt einen ins Grübeln. Was unterscheidet mein Lifestyle von dem was ich hier mitbekomme? Welcher Lifestyle ist denn jetzt besser? Wie hartnäckig sollte ich bei meiner Moral bleiben? Wie viel darf man als Gast kritisieren? Fragen auf die es keine Antworten gibt und trotzdem kann man das Grübeln nicht abstellen.

Ich weiß nicht wie lang genau, aber sicher mehr als ein Jahr sah ich mich selbst als Vegetarier. Habe vegetarisch gegessen, sei es in der Schule, in Restaurants oder daheim. Als Vegetarier bin ich abgereist. Nach 5 Monaten muss ich zugeben, dass ich hier jeden Tag Fleisch esse. Nicht nur an Weihnachten den Festtruthan, nicht nur eben mal ein Stück Wurst naschen (Wenn es denn hier gute Wurst gäbe). Den ersten Monat war der Vegetarier noch standhaft aber schnell hatte ich kapituliert. In Restaurants in denen kein einziger Salat vegetarisch ist, in Cafés, wo es zum Frühstück Frikadellen mit Bacon und Rührei gibt und in freundlicher Gesellschaft in der nunmal nicht ein einziger Vegetarier zu finden ist, gab ich es auf zu rebellieren. Selbst das Urschwäbische Wirtshaus bietet Kässpätzle an, aber hier nicht. Es ist so viel einfacher eine Meinung zu haben, wenn man sie teilen kann. Ob es darum geht nur Rezepte auszutauschen oder gar gemeinsam auf Demos zu gehen. Mir war nie so bewusst wie sehr Gemeinsamkeiten stärken. Daher ist es wichtig hier Gemeinsamkeiten zu finden. Zusammen Trompete spielen, beim Lunch über Essen reden und sich über das Wetter gemeinsam aufregen. Diese Kleinigkeiten machen es aus und gewähren mir Einlass in die fremde Gesellschaft. Völlig egal wie verschieden die Weltanschauungen sind, 43° im Schatten sind verdammt heiß.

Wer weiß was für Lektionen ich in der selben Zeit gelernt hätte, keiner kann es sagen. Ich jedenfalls, bin unglaublich froh für das was ich hier gelernt habe. In egal was für Momenten, beim Schluchzen oder Lachen, in der High-School oder in der Grand Ole Opry von Nashville, man lernt immer etwas dazu. Lektionen, Erfahrungen und Eindrücke die mich auf meinem weiteren Leben in der viel zu nahen Erwachsenenwelt begleiten werden. Wir ignorieren einfach alle mal, dass ich dieses Jahr 18 werde und genießen das neue Jahr. Ich bin dankbar für jeden einzelnen Moment, denn es macht Spaß zu lernen.

Frohes Neues an alle egal wo ihr seid, begleitet mich auch in der zweiten Hälfte, wollen wir mal sehen was mich sonst noch so erwartet…

Wir… schaffen das.
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Tim H
1 Jahr zuvor

Da kamen mir ja fast die Tränen Karlo !!
Mega geschrieben, dir ebenso ein frohes neues ! Grüße aus Schwieberdingen:)

Rike N.
1 Jahr zuvor

So viel von dem was du schreibst kann ich so gut nachvollziehen… Mir gehts in den Tiefen von Minnesota manchmal ähnlich. Alles ist ein auf und ab, was heute wie ein Abgrund scheint ist morgen eine Treppe, und übermorgen eine Skipiste… Dinge verändern sich im Auslandsjahr mit jeder Sekunde aber letztendlich ist es das alles wert.